Statement vom Präses | Johannes Justus

26. März 2020  Wir leben in einer heraufordernden Zeit. Wer hätte gedacht, dass unser gewohnter Alltag von einer Situation, wie der COVID-19 Krise so sehr in Beschlag genommen sein wird und wir mit derartigen Einschränkungen zurechtkommen müssen? Doch nach meinem Dafürhalten sind es sind nicht so sehr die Einschränkungen, die aktuell viele Christen bewegen und verunsichern. Viel mehr sind es die sich sehr schnell verbreitenden Weltuntergangsszenarien und oft unsensible Aufrufe von einigen Glaubensgeschwistern. Das ist schon seltsam, wie einige plötzlich genau zu wissen scheinen, dass das Weltende unmittelbar bevorsteht.

VIELE FRAGEN Kein Wunder, dass sich einige von uns solche oder ähnliche Fragen stellen:  „Steuern wir auf das Weltende zu? Wird eine Verfolgungswelle über die Christen hereinbrechen, ausgelöst durch einen sich scheinbar formierenden Überwachungsstaat?“  Einige fragen nach den Ursachen bzw. nach den Verursachern der Krise:  „Hat unser Herr selbst die Krise ausgelöst, um sein Volk zu reinigen? Hat der Feind mithilfe seiner Handlanger die Krise ausgelöst, um die Gemeinde Christi anzugreifen? Waren wir es selbst, die die Krise ausgelöst haben, durch unsere unbußfertige Haltung und weil wir zu wenig gebetet haben?“ Andere wiederum meinen, sie würde es ohnehin nicht treffen, da sie als Kinder Gottes von dem Virus gar nicht infiziert werden würden. Viele dieser Fragen und Informationen erreichen mich in steigender Anzahl über Mail und Social Media.

WIR ERWARTEN DIE WIEDERKUNFT CHRISTI UND NICHT DAS WELTENDE So möchte ich auf diesem Weg einige meiner Gedanken und Eindrücke zu dieser Thematik weitergeben. Einige davon hatte ich bereits im Vorjahr. Ich beginne mit einer meiner wichtigsten Überzeugungen in dieser Blickrichtung: Wir als Glaubende erwarten nicht das Weltende, sondern die Wiederkunft unseres Herrn, die uns verheißen ist. Jesus selbst hat diese Wiederkunft angekündigt und uns dazu aufgerufen, zu wachen (Mt 24,42). So ist das eins der wichtigen Erkenntnisse dieser Krise: Wir werden daran erinnert, wachsam zu sein. Die Zeit, die viele von uns nun haben, dürfen wir nutzen, um Gott zu suchen.

WIR SUCHEN NICHT DEN SCHULDIGEN, SONDERN MENSCHEN, DIE KEINE HOFFNUNG HABEN  Was die Verursacher der Krise betrifft, möchte ich sagen, dass wir weder die Aufgabe haben, einen Schuldigen zu suchen, noch den Auftrag, über den mutmaßlich für schuldig gehaltenen ein Urteil zu sprechen. Werden wir je mit Sicherheit sagen können, wer der Verursacher des Ganzen ist? Die Geschichte hat gezeigt, dass man immer einen Schuldigen gefunden hat, wenn man nur intensiv genug nach ihm gesucht hat. Leider stellte sich im Nachhinein oft heraus, dass die Anschuldigungen nicht haltbar waren. Lasst uns stattdessen die Zeit dafür investieren, uns im Rahmen unserer Möglichkeiten den Mitmenschen zuzuwenden. Lasst uns gerade in einer Zeit wie dieser einen Unterschied machen, indem wir den Menschen Hoffnung und Trost zusprechen. Unsere Hoffnung ist nicht von dieser Welt, weil wir auf den vertrauen, der nicht von dieser Welt ist. So lautet die simple gute Nachricht heute: Es gibt Hoffnung in dem Herrn! Deshalb finden wir unseren Halt und unsere Zuversicht in ihm. Viele Menschen werden in diesen Tagen von verschiedenen Ängsten geplagt. Doch Ängste sind in der Regel keine guten Ratgeber. Sie können den Menschen zwar vorsichtiger und aufmerksamer werden lassen, aber auch lähmen, Vertrauen zerstören und Körper und Seele schwächen. Unser Herr spricht:  „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33)

KRISEN UND KATASTROPHEN TREFFEN AUCH GLÄUBIGE Bereits unzählige Katastrophen haben in der Vergangenheit unsere Welt erschüttert. Und auch das können wir als Bibelleser mit Sicherheit sagen: Die COVID-19 Krise ist nicht die letzte. Auch als Christen sind wir ein Teil dieser Schöpfung und deshalb von den Folgen der Katastrophen betroffen – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Ich möchte dazu erneut die Endzeitrede Jesu aus dem Matthäusevangelium aufgreifen. Dort heißt es, dass vor seiner Wiederkunft die Leidenszeit um der Glaubenden willen verkürzt werden wird (Mt 24,22). Offensichtlich ist hier nicht die Rede davon, dass die Glaubenden vom Leid der Menschheit ausgenommen sind. Daher ist es für mich nicht verwunderlich, dass mich in diesen Tagen Mitteilungen über erkrankte Glaubensgeschwister erreichen.

WIR SIND BOTSCHAFTER DES VERTRAUENS Doch wenn die Krisen dieser Welt über uns hereinbrechen, dürfen wir Gott vertrauen. Er wird es gut machen (Ps 37,5). Dabei wollen wir dieses Gottvertrauen keinesfalls für uns behalten. Unsere Verwandten, Nachbarn und Freunde suchen gerade in dieser Zeit nach Orientierung und Halt. So lasst uns die Botschaft des Vertrauens weitertragen und mit unserem Nächsten teilen. Darin, genau darin liegt unsere Stärke, dass wir nicht auf uns selbst vertrauen müssen, sondern auf den, der vertrauenswürdig ist. Wie Paulus dürfen wir sagen, dass wir schwach und stark zugleich sind, denn Gottes Stärke kommt in unserer Schwachheit zur vollen Entfaltung (2Kor 12,9).


DIE KRISE WIRD VORBEIGEHEN, JEDOCH NICHT, OHNE UNS ZU VERÄNDERN  Nach meinem Dafürhalten werden wir den Schock überwinden und die Krise mit unseren Mitmenschen meistern. Diese Krise wird uns verändern und hat es schon, zumindest für eine gewisse Zeit. Einige von euch werden das folgende Sprichwort vermutlich schon kennen: „Nur wer die Tiefen des Lebens kennt, lernt auch die Höhen zu schätzen.“ Ich glaube, dass wir derzeit auf besondere Weise lernen dürfen, dankbar zu sein – dankbar für das, was wir bisher hatten. Ich glaube, dass viele Menschen das Leben mit neuen Augen sehen werden und sich wieder grundsätzliche Fragen über das Leben und den Tod stellen werden. Dies ist eine große Chance für das Evangelium. Lasst uns sie ergreifen!



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